Don’t Feed the Trolls: Tradition und Authentizität in den Kampfkünsten

Tradition und Authentizität sind natürlich große Themen im Kampfsport. Je näher eine Schule nachweislich an den “authentischen Ursprüngen” ihrer Kampfkunst ist, desto legitimer und anerkannter ist sie in der Regel in jeder Kampfkunst-Community. Wenn z.B. die Lehrerin X einer bestimmten Schule einige Jahre in Asien verbracht und dort von bedeutenden Meistern gelernt hat, wird dies die Anerkennung für ihre Schule enorm erhöhen und delegitimierenden Angriffe von Gegnern oder Konkurrenten fernhalten.

In diesem Beitrag möchte ich einige dieser allgemein anerkannten Vorstellungen von Tradition und Authentizität in Frage stellen. Das liegt zum Teil daran, dass in den letzten Jahren – im Falle einiger Forscher sogar Jahrzehnten – eine Menge interessanter kontextualisierender und dekonstruierender Arbeit geleistet wurde,was die Ursprünge und Traditionen verschiedener Kampfkünste angeht. Zum anderen ist unsere Schule selbst Ziel von Angriffen und Trolling geworden, die auf bestimmten Vorstellungen von Authentizität basierten. Das hat mich dazu gebracht, diese Vorstellungen weiter zu erforschen und nach Antworten zu suchen.

So stieß ich zum ersten Mal auf das Feld der Martial Arts Studies. Paul Bowman, ein Professor an der Universität von Cardiff, hat in den vergangenen Jahren zusammen mit einigen Kolleg*innen das Fach Martial Arts Studies als eigenständige Disziplin etabliert. Mit Ansätzen aus der Soziologie, den Kulturwissenschaften, der Ethnographie, den Sportwissenschaften, den Area Studies, dem Postkolonialismus und dem Poststrukturalismus befassen sich die Martial Arts Studies mit den vermeintlichen Ursprüngen der Kampfkünste, ihrer Herkunft, ihren Gründungsmythen, Interpretationen und Instrumentalisierungen im Laufe der Zeit, und was dies oft mit einer bestimmten politischen, kulturellen oder sonstigen Agenda zu tun hat. Forschungsergebnisse aus diesem in der Entstehung befindlichen Feld werden in einer Vielzahl von Zeitschriften veröffentlicht, vor allem aber in der Open-Access-Zeitschrift “Martial Arts Studies” der Universität Cardiff. Alle Artikel sind dort kostenlos verfügbar und dies ist eine offizielle Leseempfehlung!

Für mich fiel die Entdeckung der Martial Arts Studies ungefähr mit der Gründung meiner eigenen Kampfkunstschule in Berlin zusammen – Yanagi Jutaijutsu e.V. Die vielen interessanten Lektüren, die ich in und aufgrund der Zeitschrift Martial Arts Studies entdeckte, lösten bei mir eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse aus. Gleichzeitig geriet unsere neu gegründete Schule Yanagi ins Visier einiger Trolls in einem Kampfsport-Online-Forum sowie in verschiedenen Facebook-Gruppen. Die Leute in diesen Zusammenhängen lasen die Texte auf unserer Website, sahen sich unsere Videos an und entschieden dann, dass wir unauthentisch und inkompetent seien und uns nicht wirklich als traditionelle Kampfkunstschule bezeichnen sollten. Sie veröffentlichten einen ziemlich detaillierten Beitrag zu dem Thema, in dem sie alle unsere Fehler und Unzulänglichkeiten auflisteten, und veröffentlichten ihn in ihrem Forum, wo er einen Kommentar-Thread mit weiterem Spott und Beschimpfungen auslöste.

Ich möchte hier nicht auf die Details des Beitrags eingehen sondern erwähne ihn lediglich als einen wichtigen Ausgangspunkt für mich, um eine Position gegenüber solchen Kritiken zu entwickeln, die in Kampfkunst-Communities leider recht häufig vorkommen. Anstatt das Ganze einfach als böswillige, verletzende Kritik und Trolling von Leuten abzutun, die nie in direktem Kontakt mit uns waren, sich nie die Mühe gemacht haben, uns zu erreichen, nie eine unserer Veranstaltungen besucht haben – was sicherlich eine legitime Reaktion gewesen wäre – habe ich beschlossen, mich mit dieser Herausforderung anders auseinanderzusetzen. Ich wollte das gesamte Arsenal der Forschung zur Verfügung haben, wenn es darum ging, mit Trollen umzugehen. Ich weiß natürlich sehr wohl, dass es keinen Sinn hat, mit Trollen zu reden, und die konventionelle Weisheit lautet, sie nicht zu füttern. Aber auch wenn es nicht um die Trolle geht, fand ich das Thema interessant und der Auseinandersetzung wert. Ausgehend von meiner anfänglichen Lektüre rund um das Thema Traditionen, vor allem Eric Hobsbawms “Die Erfindung der Tradition”, erkundete ich also mehr von der Literatur zu diesem Thema.

Hobsbawm, ein britischer Historiker, hatte mit der Veröffentlichung der oben genannten Studie 1984 erstmals die Idee etabliert, dass viele Traditionen schlichtweg erfunden sind. Mit Fokus auf die britische Monarchie und das Empire zeigten die Autoren in verschiedenen Fallstudien, dass Traditionen, von denen man oft annimmt, dass sie Jahrhunderte oder gar Jahrtausende alt seien, oft viel jünger sind und mit bestimmten Absichten und Hintergedanken erfunden wurden. Hobsbawm definiert erfundene Traditionen als eine Reihe von Normen und Praktiken, die versuchen, bestimmte Werte einzuschärfen, und normalerweise versuchen, eine Kontinuität mit einer – meist recht weit entfernten – Vergangenheit herzustellen, obwohl sie in Wirklichkeit oft viel jüngeren Datums sind.

Nimmt man diese Idee und wendet sie auf die Kampfkünste an, hat man einen interessanten Forschungsgegenstand und, zumindest für mich, ein sehr unterhaltsames Rätsel gefunden. Die tausendjährige Tradition des Tai Chi – nur eine 150 Jahre alte Erfindung bestimmter chinesischer Eliten, um nationalistische Ideen zu propagieren? Viele Schulen in der “Samurai”-Tradition: nicht 500 Jahre alt, sondern tatsächlich aus den späten 1800er oder frühen 1900er Jahren, als Japan eine Neuerfindung und Instrumentalisierung der Samurai-Geschichte erlebte? Tae Kwon Do: gar nicht die uralte koreanische Kampfkunst, für die wir sie hielten, sondern tatsächlich in den 1950er Jahren als Mittel des Widerstands gegen den japanischen Kolonialismus erfunden? Die Fragen hören nicht auf, und wenn man ihnen nachgeht, kommt man tatsächlich zu interessanten und oft auch ziemlich beunruhigenden Antworten. Das Feld der Martial Arts Studies und ihre fortlaufende Dekonstruktion von Kampfkunsttraditionen stellt einige der Gründungsmythen, die vielen Kampfkünsten zugrunde liegen, in Frage. Wenn man eine Kampfkunst schon lange praktiziert, kann das beunruhigend sein. Was, wenn das, was man für eine altehrwürdige, etablierte Tradition hielt, die von einem Meister zum anderen weitergegeben wurde, in Wirklichkeit das Produkt des Strebens nach Profit und Einfluss einiger weniger Individuen ist? Das alles könnte dazu führen, dass man all die durch die Kampfkunst erlernten und erreichten Dinge in Frage stellt. Es könnte alles als Fake und sinnlos erscheinen lassen. Aber das muss es nicht. Es könnte auch einfach unsere Perspektive verändern und sie letztendlich mit einer neuen Schicht von Erkenntnissen und Reflexivität bereichern, was immer ein Zugewinn ist.

Paul Bowman umreißt einige der Probleme, denen er sich sowohl als Kampfsportler als auch als Forscher gegenübersah. In seinem Artikel “Making Martial Arts History Matter” aus dem Jahr 2016 beschreibt er seine eigene Ernüchterung, als er entdeckte, dass viele der Mythen, die man ihm über verschiedene Kampfkünste erzählt hatte, tatsächlich erfunden waren: “Ich kann nicht sagen, dass ich erfreut war, als ich zum ersten Mal erfuhr, dass das Kung-Fu und Taiji, das ich liebte und in meinen Dreißigern religiös praktizierte, nicht Äonen alt war, sondern tatsächlich im chaotischen neunzehnten Jahrhundert entwickelt und ausgearbeitet und im zwanzigsten Jahrhundert regelmäßig rekonstituiert wurde; dass das Shotokan-Karate, das ich als Teenager studierte, eine Formalisierung des 20. Jahrhunderts war; und dass das Taekwondo meiner Zwanziger wesentlich jünger ist als meine eigenen Eltern (Als ich in meinen Vierzigern Escrima kennenlernte, hatte ich gelernt, weder zu viel von der Geschichte zu verlangen noch zu erwarten).“ (Übers. d. Autorin)

Es kann sehr desorientierend wirken, sich all dieser verschiedenen Erfindungen bewusst zu werden. Dies erklärt auch mit hoher Wahrscheinlichkeit, warum sich viele der erfundenen Gründungsmythen trotz aller wissenschaftlicher Arbeit und Erkenntnis hartnäckig halten: viele von uns haben ein Bedürfnis nach solchen plausiblen Erklärungen und Entstehungsgeschichten wie z.B. der Geschichten des Shaolin-Tempels oder der Idee, dass die hohen Tritte des Taekwondo erfunden wurden, um Samurai von ihren Pferden zu treten. Tatsächlich waren diese Techniken aber eine Erfindung der 1950er Jahre, die davon ablenken sollte, dass Taekwondo eigentlich hauptsächlich aus Techniken des Shotokan-Karate besteht. Seine Gründer waren jedoch bemüht, diese japanischen Ursprünge zu verbergen und verwendeten daher viel Energie darauf, die Techniken anders aussehen zu lassen als im Karate.
Ich möchte diesen Ausflug zu den Themen Tradition und die Authentizität abschließen, indem ich kurz zu den japanischen Kampfkünsten zurückkehre und den Kreis zum Jutaijutsu schließe. Japanische Kampfkünste haben natürlich ihren eigenen erfundenen Traditionen. Oleg Benesch hat gezeigt, dass der berühmte “Weg der Samurai”, oder zumindest ein wesentlicher Teil davon, eigentlich eine Erfindung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist, basierend auf der Wiederbelebung des Rittertums in Großbritannien. Als immer mehr japanische Beamte und Gelehrte in den späten 1800er Jahren nach Europa reisen konnten, wurden sie Zeitzeugen der britischen Wiederbelebung von Rittermythen, des dazugehörigen Ethos und der Herleitung von Abstammungslinien, und konnten beobachten wie dies zur Legitimation und Konstruktion der britischen Monarchie genutzt wurde.

Basierend auf diesem Modell wurde dann in Japan ein Diskurs über Samurai-Ritter und ihre überlegenen ethischen Codes und Traditionen etabliert, um das japanische Kaiserreich und seine expansionistischen Tendenzen des frühen 20. Jahrhunderts zu legitimieren, sowie die Institution der japanischen Monarchie und des Kaisers abzusichern und zu begründen. Dies führte zu einem Aufschwung und einer erneuten Popularisierung von Erzählungen über die Samurai in Japan, was wiederum zur Formalisierung bestimmter Kampfkunsttraditionen und zur Gründung einer Reihe von Schulen führte, die eher moderne Schöpfungen als tatsächliche Fortsetzungen von Samurai-Traditionen aus dem Mittelalter waren. Benesch weist als Indiz für die Neuerfindung vieler dieser Schulen auf ihren Fokus auf die Schwertkunst hin. In der tatsächlichen Kriegsführung des 15. bis 17. Jahrhunderts war das Schwert relativ unbedeutend. Bogenschießen und andere Waffen waren auf den Schlachtfeldern viel wichtiger, und der relativ moderne Fokus auf das Schwert war selbst das Ergebnis mehrerer Wellen von Neuerfindungen der Samurai-Traditionen. Viele der traditionellen japanischen Kampfkunst-Schulen, die heute in Japan und auf der ganzen Welt existieren, sind Früchte dieses Revivals der Samurai-Ära und des Rittertums im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert. Darunter gibt es sicher auch Schulen, die von japanischen Meistern mit der vorrangigen Absicht gegründet wurden, aus dieser Neuerfindung Kapital zu schlagen und Stile und Traditionen zu schaffen, die sich leicht innerhalb Japans und international verbreiten ließen, um ihren Gründern Ruhm und Reichtum zu bringen. Stephen Chan nennt diesen Trend eine “Selbst-Orientalisierung” der Japaner, die dann im Westen als alte und unveränderliche Tradition vermarktet wird.

Was bedeutet das alles also für Jutaijutsu bzw. für unsere eigene Praxis der Kampfkunst, an der wir interessiert sind? Ist also alles erfunden und damit bedeutungs- und sinnentleert? Die kurze Antwort lautet: Nein. Tatsache ist, dass wir stets unserer Praxis einen Sinn geben, und meistens ist in der Kampfkunst die tatsächliche physische Praxis das, was zählt. Die Erzählungen und Traditionen, die Jahrhunderte zurückreichen (oder eben nicht), sind für uns in unserem regelmäßigen Training weniger wichtig. Wir sollten uns von diesen spannenden akademischen Entdeckungsreisen und der Dekolonisierung der Kampfkünste nicht den positiven und wohltuenden Aspekt der eigentlichen Praxis nehmen lassen. Das soll jedoch keinesfalls heißen, dass diese Dinge unwichtig sind. Im Gegenteil, Geschichte ist wichtig, um noch einmal Paul Bowman zu paraphrasieren. Diese Einsichten sollten uns bewusst machen, dass viele Dinge im Leben auf die eine oder andere Weise konstruiert sind, und wir sollten uns das zunächst eingestehen und daran arbeiten, dieses Wissen zu dekolonisieren. Wir sollten danach streben, transparent zu machen, wie Hierarchien und Macht in solche Geschichten hineinspielen, um DANN zu entscheiden, wie wir auf Grundlage dieses neu gewonnenen Wissens handeln. Das mag uns einige unserer Lieblingsmythen nehmen, aber es hilft uns auch, reflektierter und ehrlicher zu sein.

Was das Jutaijutsu betrifft, so wissen wir derzeit nicht genau, wann und wie es entstanden ist und weitergegeben wurde, abgesehen von seiner dokumentierten und nachvollziehbaren Vergangenheit, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreicht. Das Einzige, was wir mit Sicherheit sagen können ist, dass einige japanische Armeeoffiziere einem italienischen Armeeoffizier, der während des Zweiten Weltkriegs eine Zeit lang in Japan stationiert war, Jutaijutsu beibrachten. Letzterer brachte sein Wissen mit zurück nach Italien, und einer seiner Schüler gründete schließlich 1978 die Yoshin Ryu Jutaijutsu-Schule in Turin, Italien. Darüber hinaus wissen wir sehr wenig. Wir können vermuten, dass das breite Repertoire des Jutaijutsu, das Kobudo-Waffen, die ihren Ursprung in Okinawa haben, aber auch Bogenschießen sowie eine Reihe von physischen und esoterischen Praktiken, die mit den Ninja oder Shinobi assoziiert werden, umfasst, auf eine längerfristige Geschichte hinweist als die der Rekonstruktionen, die Benesch in “Inventing the Way of the Samurai” und anderen Publikationen identifiziert. Es könnte also sein, dass die Tradition des Jutaijutsu tatsächlich bis ins Mittelalter zurückreicht. Oder es kann sein, dass es ebenfalls eine erfundene Tradition ist, die sich verschiedener Einflüsse bedient, wie viele andere Kampfkünste auch. In beiden Fällen wird die Verwendung einer reflektierteren und dekonstruierten Perspektive wenig an meiner Praxis ändern, aber einen großen Unterschied darin machen, wie ich Trollen und böswilligen Kritikern entgegentreten kann: manchmal weiß man umso weniger, je mehr Wissen man hat. Und vielleicht ist das auch in Ordnung – es ist immer besser zuzugeben, was man nicht weiß, als zu versuchen, sich selbst durch die Erfindung von Traditionen zu legitimieren.